WolfenbüttelHeute.de | BraunschweigHeute.de
02.10.2014 - 3. Jahrgang



Wolfenbüttel: “Was gefällt an der Wolfenbütteler Fußgängerzone (nicht)? – Pink: “Das Hertie-Gebäude wird nie ein Shopping-Center”

25. August 2012  •  Autor:  •  Kategorien: Rathaus & Politik, Vor Ort, Wirtschaft & Technik

Fußgängerzone 2
Gefällt Ihnen dieser Artikel?

Leider kein seltenes Bild: Die leere Fußgängerzone in Wolfenbüttel

“Zukunftsprofil Innenstadt Wolfenbüttel” – unter diesem Namen möchte die Stadt Wolfenbüttel die Innenstadt mehr beleben und deutlich mehr Menschen in die City locken (WolfenbüttelHeute.de berichtete). Der Rat der Stadt beschloss einstimmig die Erarbeitung eines Innenstadt-Entwicklungskonzeptes für rund 43.000 Euro. Muss das überhaupt sein? Wir haben unsere Leser gefragt, was sie sich für die Wolfenbütteler Fußgängerzone wünschen. Was macht Wolfenbüttel aus und was könnte verbessert werden? Einzelmeinungen, aber Meinungen:

Gloria

Gloria:” Seitdem Karstadt/Hertie weg ist, ist hier nur noch wenig los. Es wird wenig für junge Kunden geboten.”

Roswitha

Roswitha: “Wolfenbüttel ist einfach toll.  Die Altstadt soll so bleiben, bloß keine großen Einkaufscentren!”

Kea

Kea: ” Ich würde mir viele kleine Läden wünschen, am liebsten “H&M”. Dann würde ich auch hier einkaufen gehen.”


Heike: ” Es fehlen viele kleine Geschäfte, in denen man auch mal günstig einkaufén kann. Für die Kinder wäre “New Yorker” oder “1982”  toll. Wenn wir richtig ausgiebig Shoppen wollen, fahren wir nach Braunschweig.”

“Wir sind ehemalige Wolfenbütteler und kommen sehr gerne hier her. Die Altstadt hat viel Charme und wir fühlen uns in Wolfenbüttel sehr wohl,” sagen Roswitha und Werner.
Roswitha:” Ich wünsche mir mehr Schuhläden.”
Und ich mir weniger Handyshops”, sagt Werner.

Kerstin: Die Altstadt ist herrlich, ich würde mir viele bunte Schaufenster und Fachgeschäfte wünschen. Dann würde das Bummeln richtig Spaß machen.”

Sükran: “Ich finde, es sollte ein besseres Angebot für junge Leute geben. Die Altstadt finde ich okay, aber vielleicht kann man alt und neu mischen.”

Yasemin: ” Ich könnte mir kleine Läden gut vorstellen. Vielleicht “H&M” oder “ZARA”. Ein “Starbucks” fänd ich auch toll.”

 

Der regionale Standortwettbewerb und der demographische und gesellschaftliche Wandel beeinflussen das Einkaufsverhalten und die Einzelhandelsstruktur in der Innenstadt maßgeblich. Die strukturellen Veränderungen umfassen den Branchenmix, die Betreiberform des Einzelhandels und das Einkaufsverhalten der Kunden.

Grundsätzlich führt die umfassende Internetaffinität zu einem veränderten Einkaufsverhalten der Konsumenten. Der Einkauf von Waren des nicht alltäglichen Bedarfs wird immer stärker mit dem Wunsch verbunden, ein „Einkaufsevent“ zu erleben. Bürgermeister Thomas Pink: “Beim Einkaufen muss eine Bespaßung stattfinden.” Er verwies auf das nahegelegene Oberzentrum Braunschweig, bei dem man in Bezug auf das Einkaufen nicht so recht weiß, ob es ein “Fluch oder Segen” ist. “Keine andere Stadt unserer Größe hat das Oberzentrum so nah vor unserer Haustür. Das ist für unsere Innenstadt-Kaufleute nicht unproblematisch.” Und das stimmt: Kein anderes Mittelzentrum der Region ist in so naher Nachbarschaft zum Oberzentrum Braunschweig verortet. Damit zählt Braunschweig auch für die Wolfenbütteler Bevölkerung traditionell als Einkaufsstadt. Aufgrund dieser günstigen Versorgungssituation und der Tatsache, dass eine hohe Anzahl der Wolfenbütteler Bevölkerung als Auspendler in Braunschweig arbeitet, resultiert daraus eine verbesserungsbedürftige Solidarität mit dem hiesigen Einzelhandel. Durch eine ungefilterte Diskussion muss aber auch die Möglichkeit offen gelassen werden, die Nähe zu Braunschweig durchaus auch als positiven Standortfaktor für Wolfenbüttel anzunehmen.

Die Anzahl inhabergeführter Familiengeschäfte hat sich in den vergangenen Jahren erheblich reduziert. Weil Übernahmeregelungen aufgrund schwieriger Rahmenbedingungen nur noch selten getroffen werden ist nachfolgend festzustellen, dass sich auch in Wolfenbüttel verstärkt bundesweit agierende Einzelhandelsketten ansiedeln. Außerdem gibt der öffentlich wahrgenommene Leerstand stetig Anlass zur öffentlichen Diskussion.

Hertie und das Shopping-Center

Durch die seit 2009 ungenutzte Hertie–Immobilie fehlt ein für den Einzelhandel in der Fußgängerzone wichtiger Ankerbetrieb zur Belebung. Der aktuell veröffentlichte Einstandspreis von zehn Millionen Euro erschwert zudem die geplante Revitalisierung und die Realisierung der angestrebten Umbaupläne von Investoren. Der Stadtverwaltung wurde die Immobilie übrigens nie angeboten, erklärte der Bürgermeister in der Ratssitzung. “Diese zehn Millionen Euro hätte die Stadt aber auch niemals ausgeben dürfen. Mit allen Neben-und Umbaukosten wären wir dann etwa bei 30 Millionen Euro gelandet”, so Pink. Das hätte die Stadt überfordert und solche Investitionen seien auch keinem Bürger erklärlich gewesen.

Pink weiß eines aber ganz sicher: “Aus der Hertie-Immobilie wird nie ein Shopping-Center.” Der angeführte Grund ist banal: Die dafür erforderliche Fläche von etwa 15.000 Quadrahtmetern kann das Gebäude nicht bieten. “Ich habe nichts gegen ein Shopping-Center in Wolfenbüttel, aber wir wüssten doch gerade gar nicht, wohin…” Der Innenstadt fehle eine bebaubare Fläche dieser Größenordnung.

Lebendige Innenstadt – Bürgerbeteiligung und “Wir-Gefühl”

Bürgermeister Thomas Pink appellierte an den Rat und die Bürger seiner Stadt: “Die Diskussion zur Innenstadt muss versachlicht werden.” Es gäbe noch alles in Wolfenbüttel: “Socken, Schlüpfer, Hosen, Hemden, Schuhe, Anzüge…”, zählte er auf. Die intensive Bürgerbeteiligung bei der Aufarbeitung dieser Aspekte im Rahmen der konzeptionellen Innenstadtentwicklung soll zudem zu einer erheblichen Imageförderung für die Stadt Wolfenbüttel beitragen. Durch die Möglichkeit, sich aktiv an der Entwicklung ihrer Heimatstadt einzubringen soll die regionale Identifikation und das „Wir – Gefühls“ der Bevölkerung nachhaltig gestärkt werden. Pink: “Wir müssen unsere Bürger ungefiltert diskutieren lassen.” Er warb dafür Quartiere zu schaffen, in denen man auch noch spät am Abend gemütlich ein Bier trinken können dürfte, ohne dass er als Hauptverwaltungsbeamter gleich vorm Verwaltungsgericht stünde. Der Bürgermeister wünscht sich eine lebendige Innenstadt. “Wir müssen auch unsere verkrampften Bürger entkrampfen, so dass wir auch ohne Beschwerden ein dreitägiges Altstadtfest feiern können.”

Christoph Helm (CDU): “Wir benötigen auch private Investitionen auf breiter Front.” Er lobte den von der Verwaltung vorgeschlagenen Weg zur Entwicklung eines Innenstadtentwicklungskonzeptes als “fundierten Ansatz”. Die Stadt sei mit großen Konjunkturförderprogrammen vorweg gegangen. Helm verwies auf den Holzmarkt, das Lessing-Theater, den guten Zustand der Schulen und das neue Allwetter-Bad. Es müsse nun noch den strukturellen Fehlentwicklungen im Einzelhandel entgegengewirkt werden, da der Markt nicht mehr alles allein regele: “Es bedarf staatlicher Steuerung, ohne sozialistischer Strukturen kommunaler Organe.”

Ralf Achilles (SPD) kommt sich abends in der Fußgängerzone wie in einem menschenleeren Gewerbegebiet vor und beklagte dunkle Schaufenster. Er warb dafür, neuen Wohnraum in der Innenstadt zu schaffen: “Wo Menschen sind, da sind auch weitere Menschen”. Er forderte eine Beteiligung der Politik von Anfang an, um Frustrationen bei den beteiligten Bürgern, zu vermeiden. “Ratsmitglieder sind auch Bürger.”

Markus Brix

Rudold Ordon (FDP) überraschte die übrigen Ratsmitglieder als er sagte, er könne sich schon vorstellen, dass die Stadt die Hertie-Immobilie kauft und dann das Stadtmarketing damit beauftrage, “mal wirklich etwas zu tun.” Er sei gegen Denkverbote. “Die Angebotssituation kann sicher verbessert werden.”

Winfried Pink (CDU) wollte Ordons Position gar nicht glauben: “Wir können die Hertie-Immobilie kaufen, sagt einer, der sonst jeden Haushalts-Cent mehrfach umdreht…” Der Vorsitzende des städtischen Wirtschafts- und Finanzauschusses plädierte dafür, Experten und Laien zusammenzubringen, aber auch erreichbare und bezahlbare Ziele zu formulieren: “Die Entscheidung des Handelns liegt bei den Investoren und Eigentümern.”

Arne Hattendorf

Arne Hattendorf  (PIRATEN): “Das Konzept ist die letzte Chance für die Innenstadt.” Er sprach sinnbildlich für die Piraten vom letzten Schuss, der treffen müsse. “Wir haben nämlich nicht mehr viel Zeit, um unsere Innenstadt zu retten.”

Die Straßenumfrage unter unseren Lesern führte Anke Donner durch.






Auch das noch: Karl-Heinz Kluschke twittert